Die Liebe ist stärker als der Tod

Bei einem Besuch der Alten Nationalgalerie am Berliner Dom hält Krankenhaus- und Hospiz-Seelsorgerin Corina Martinas Ausschau nach Spuren ihrer Arbeit.

Keine zehn Meter sind zurückgelegt, da halten wir schon zum ersten Mal inne. Das Werk „Die Welle“, vom französischen Künstler Gustave Courbet mit Ölfarben auf Leinwand gemalt, hält, was es verspricht: unten gewaltige Wogen, schäumende Gischt, oben am Himmel dunkle Wolken, ein Unwetter vor dem Herrn. Und ein Szenario, das Corina Martinas recht bekannt vorkommt. „Wenn ein Mensch von der einen in die andere Welt geht, ist in ihm und vor allem in den Angehörigen sehr viel los, wie eine Art Flutwelle, wie ein innerer Sturm – weil alle spüren, dass gerade etwas abbricht“, sagt sie.

Die Welle Gustave Courbet
Manchmal zieht beim Sterben noch einmal so etwas wie ein Sturm auf, wie im Bild „Die Welle“ von Gustave Courbet (1869)

Angesichts der Unruhe, die in dem Bild vermittelt wird, muss sie auch an die enorme Geräuschkulisse in der Klinik denken: „Gerade auf der Intensivstation, wo die Medizintechnik permanent lärmt, wie man es sich auf einem Schiff vorstellt, das sich auf dem Meer gegen den Sturm zu behaupten versucht.“ Wenn es jedoch vorbei sei, herrsche absolute Ruhe. Die Geräte schweigen, keine Atmung, kein Puls. Der Mensch, den wir kannten, antwortet nun nicht mehr. Als Seelsorgerin ist sie dafür da, für diese Stille einzutreten, zu helfen, „diese auszuhalten, das absolute Nichts.“ Aber es sei kein Nichts, das vernichte, denn nach dem Karsamstag komme der Sonntag, „an dem Jesus Christus von den Toten auferstanden ist.“
Sterben und Tod – etwas, womit die meisten nur selten wirklich hautnah konfrontiert werden, gehört fest zur Arbeitsbeschreibung von Corina Martinas, denn die 48-Jährige arbeitet als Seelsorgerin im Dominikus-Krankenhaus Berlin-Reinickendorf und in dem daran angeschlossenen Hospiz „Katharinenhaus“. Keine zwei Stunden ist es her, da ist sie noch einmal ans Krankenbett gerufen worden, um einem Patienten in dessen letzten Augenblicken beizustehen. Nun steht ein Besuch der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel, gleich hinter dem Berliner Dom, an. Ob sie ihre Arbeit, ihre Berufung auch in der Kunst wiederzuerkennen vermag?

Früher Wissenschaftlerin, heute Seelsorgerin

Früher war die gebürtige Rumänin Dozentin, zuletzt an den Unis Göttingen und Hildesheim. Über 20 Jahre forschte und lehrte sie, Romanistik, Anglistik und Fremdsprachendidaktik. Shakespeare war ihr Steckenpferd.
Sie begann, sich mit konplemtativer Meditation zu befassen und beriet nebenberuflich Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. „Diese Tätigkeiten wurden immer wichtiger für mich. Und auch die Studenten in der Sprechstunde haben nicht mehr nur über ihre Masterarbeit sprechen wollen, sondern vermehrt nach Meditation gefragt. Irgendwann dachte ich: Du musst etwas ändern.“
Und sie änderte etwas. 2017 ging Corina Martinas für ein halbes Jahr nach Jerusalem, arbeitete im St. Louis-Hospiz als Volontärin am Krankenbett. Es waren ihre ersten Berührungspunkte mit der Hospizarbeit, zudem lernte sie den fordernden Alltag in der Pflege kennen. Eindrücke die sich bei ihr eingebrannt haben.

Corina Martinas Krankenhausseelsorgerin

Zurück in Deutschland, verschlug es Corina Martinas ins Erzbistum Berlin, genauer gesagt ins Seniorenzentrum St. Elisabeth im brandenburgischen Velten, wo sie als Seelsorgerin arbeitete und Meditationsübungen anbot. „Es war eine schöne Zeit, aber nach den Erfahrungen in Jerusalem hatte ich den Wunsch, im Hospiz und im Krankenhaus zu arbeiten“, sagt sie. In Berlin erhielt sie 2021 dann eine geteilte Stelle als Seelsorgerin, in der Klinik und im Hospiz.

Unser Körper: fragil und doch voller Wunder

Wieder in den Ausstellungsfluren. Nicht nur im Inneren, mental, laufe beim Sterben vieles ab, sagt Corina Martinas, sondern auch körperlich. Sie betrachtet die „Atelierwand“, ein Gemälde von Adolph Menzel aus dem Jahr 1852. Es zeigt Präparate menschlicher Gliedmaßen, ohne Torso. Im Angesicht des Todes werde einem die menschliche Zerbrechlichkeit schlagartig bewusst. Manche ihrer Betreuten berichten, wie schnell bisweilen der Zeitpunkt komme, an dem es dem Ende zugehe. „Eigentlich hätte ich jeden Tag sterben können“, habe mal eine gesagt. „Doch dann überwog bei ihr die Dankbarkeit für das Leben, das sie bis dahin hat führen können“, so die Seelsorgerin.
Aber man nehme auch stärker wahr, wie wundersam der menschliche Körper eigentlich sei. Wenn ein Gast im Hospiz beispielsweise künstlich beatmet werden müsse, erzählt sie, werde dafür an jedem Morgen Sauerstoff geliefert. „Am Ende des Tages ist das Zimmer dann voll leerer Sauerstoffflaschen, so viel hatte er verbraucht. Im Normalfall denken wir gar nicht großartig darüber nach, aber wenn dann die ganz normalen Körperfunktionen nachlassen, dann merken wir: Der Mensch, das Leben, ist wirklich ein großes Wunder.“
Der Verlust bis dato selbstverständlicher Fähigkeiten wirke sich bei jedem unterschiedlich aus, sagt Corina Martinas. Sie erinnere sich an einen Mann, sehr belesen, blitzgescheit, als Philologin habe sie sich mit ihm über Literatur und andere Themen unterhalten können. Doch seine kognitiven Kräfte schwanden, worunter der Gast sehr litt. „Der Gedanke, die eigenen Worte zu verlieren, war für ihn zunächst schlimmer als der Gedanke, den Körper zu verlieren.“ Im Gespräch mit der Seelsorgerin stellte er fest, dass seine Wortlosigkeit ein Vorbote auf seinem Weg in die großen Stille war. „Es gelang ihm, sich darauf einzulassen, so dass er fast neugierig auf die Stille wurde, die ihn erwartete.

Alter und Verfall nicht als Makel begreifen

Wir gehen weiter durch die Ausstellung. Ein weiteres Gemälde von Adolph Menzel sticht Corina Martinas ins Auge. Es heißt „Der Fuß des Künstlers“ und zeigt ziemlich genau das: einen deformierten, von Krankheit gezeichneten Fuß, mutmaßlich den des Künstlers selbst.

Adolph Menzel Der Fuß des Künstlers
Adolph Menzel: „Der Fuß des Künstlers“

Sie zieht eine Parallele zur Gesellschaft. „Alt und krank, das sind Attribute, die bei uns üblicherweise nicht als gesellschaftsfähig gelten. Unter dem Motto: Das gehört wegretuschiert.“ Dabei, sagt sie, sei auch dieser Fuß schön, zumal der alte Sinnspruch von der Schönheit, die nicht nur äußerlich daherkomme, trotz häufigem Gebrauch seine Berechtigung habe.
Sie verweist auf die Darstellung des Jesus am Kreuz, meistens jung und trotz Marter noch recht sauber. „Dabei handelte sich doch um einen denkbar grausamen, hässlichen Tod.“ Darum findet sie es wichtig, das Unschöne am Tod anzuerkennen und ihm ohne Berührungsängste zu begegnen, wie es die Hospizbewegung lehrt. „Es gibt einen Moment, da kann die Familie, so sehr sie auch will, den Aufwand nicht mehr tragen. Und wenn das der Fall ist, ist das Hospiz ein Geschenk.“ Mitunter entstehe durch die herzliche Fürsorge eine solche Nähe zwischen Gast und Personal, dass diese selbst angesichts des nahenden Todes als regelrecht heilsam empfunden werden könne.
„Für Menschen, bei denen der Tod unmittelbar bevorsteht, ist es von großem Wert, wenn sie die verbleibende Zeit so schmerzfrei und sorglos wie möglich verbringen können.“ Dazu tragen auch Vereine wie der „Wünschewagen“ des Arbeiter-Samariter-Bundes bei, der dabei hilft, den Sterbenden einen besonderen Wunsch zu erfüllen, eine letzte Reise an die Ostsee etwa, um noch einmal die Meeresluft einzuatmen.
An welchen Gott die Umsorgten glauben oder ob sie vielleicht sogar gar nicht glauben, spielt für Corina Martinas bei ihrer Arbeit keine Rolle. „Ich glaube daran, dass die Seele weiterlebt, wenn sie unsere vergängliche Hülle, den Körper, verlässt.“ Und: „Es geht nicht darum, wie wir Gott nennen, sondern wie wir Gott in der Realität gelebt haben“, sagt sie. „Eine Realität, in der wir niemals vergehen, ist die Liebe, über die es schon im Hohelied des Alten Bundes heißt: Denn stark wie der Tod ist die Liebe.“

Der Text ist in der aktuellen Ausgabe des Tag des Herrn erschienen und darf hier mit freundlicher Genehmigung des St. Benno-Verlags veröffentlicht werden. 
© Text und Fotos: Stefan Schilde

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